Die Letzten Indianer Von Sachalin

(fortlaufendes Projekt)

hier geht es zum Teaser für die Multimedia-Reportage: https://vimeo.com/297963038

„Ich habe so lange nicht mehr gesungen!“, lacht Vala Nyavan in einem heißeren und lampenfiebrigen Ton. Immer wieder erinnern. Zu lange liegt die eigene Kindheit zurück, zu fremd wirkt die eigene Sprache. Valas Schwester, Natasha, hört ihr genau zu und versucht bei den Textpassagen, an die sie sich noch erinnern kann, zu helfen. Das mitsingen fällt ihr jedoch schwer. Sie ist alt, fast blind und das Sprechen fällt ihr schwer. Dennoch beschwingt das Singen beide und sie verfallen immer wieder einem fast schon kindlichen Kichern. Die siebenjähre Lilja, in den zittrigen Armen ihrer Großtante Natasha, beobachtet begeistert das Treiben der Beiden und erfreut sich am Niwchischen, der alten Sprache ihres Volkes. Die beherrschen nämlich nur noch wenige Alte. Sterben sie, stirbt auch ihre Muttersprache.

Die Niwchen sind ein Volk im fernsten Osten Sibiriens, im Norden der Insel Sachalin. Und ihre Kultur verblasst. Sie sind keine Halbnomaden mehr, sondern leben sesshaft. Ihre uralten Feste und Traditionen sind zur Folklore verkommen Und auch wenn jede Familie noch ihre Hunde besitzt, ziehen diese keine Schlitten mehr, wie sie es noch vor einigen Jahrzehnten taten. Mit Geländewagen fahren die Niwchen nun an der Küste entlang, um ihre Fischerboote zu transportieren. Ihre Kultur ist eine der ältesten der Welt, älter als viele europäische Kulturen. Aber es gibt immer weniger, die wie die Familie Nyavan, an den alten Lebensweisen festhalten. Rund 5.000 Niwchen gibt es heute noch in Russland. Ein großer Teil von ihnen lebt in der Siedlung Nekrasovka.

Die ökonomischen und ökologischen Umstände machen es ihnen nicht leicht. Dabei ist Sachalin eigentlich eine wahre Goldmine: reich an Fisch, Holz und Öl. Doch die Ureinwohner profitieren vom Reichtum ihrer Heimat nicht. Im Gegenteil: durch die industrielle Nutzung der Insel verlieren die Niwchen Stück für Stück Teile ihres Bodens. Orientierungslos klammern sich die Familien an das, was ihnen bleibt: ihre Geschichte, ihre Vergangenheit, ihre Heimat. Denn obwohl das mythische Fest des Bären nicht mehr stattfindet und sie wegen staatlichen Regulierungen in die Kategorie der Wilderer fallen, wollen sie nach wie vor wie ihre Ahnen leben. Die Jugendlichen sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch bei der Familie zu bleiben und der Notwendigkeit fort zu ziehen. Für Bildung und Geld.

„Die letzten Indianer von Sachalin“ ist eine Geschichte über den Versuch, die eigene Heimat und Kultur zu erhalten. Immer mehr indigene Völker verschwinden, je weiter sich der moderne Mensch im Namen der Wirtschaft, der Globalisierung und der Forschung ausdehnt. Die Niwchen sind davon nicht ausgenommen. Doch anders als Völkern wie beispielsweise die Samen fehlt ihnen aufgrund ihrer Abgeschiedenheit die Möglichkeit, sich durch den Tourismus zu erhalten. Hinzu kommt eine Entzweiung im Volk selbst. Während Familien wie die Nyavans weiter das Wissen ihrer Ahnen, an Kinder und Enkel übertragen und nach traditionellem Vorbild leben, sammeln und archivieren andere Niwche bereits ihr materielles Erbe, in Form von traditionellen Kleidern oder Schriften, für ein potentielles Museum.

Im Rahmen einer „Scrollytelling“ Web-Dokumentation arbeiten wir, Philipp Hannappel und Timo Jaworr, seit 2016 an diesem Thema. Was ist Heimat? Warum lädt man sich so viele Bürden auf, um sie zu verteidigen? Und wieso trägt es uns immer wieder zu ihr zurück? Die Welt ist so vernetzt wie noch nie. Doch selbst in einem Land wie Deutschland leben und sterben nach wie vor über 85 Prozent der Leute dort, wo sie geboren wurden. Weil Heimat sie an etwas erinnert, von dem sie sich nur schwer lossagen können. Hier zählen Impulse, die tief in das Herz des Menschen reichen.